SonntagsZeitung, 05.04.2009

Der Club der Aufgeweckten

Ritalin, bekannt als Medikament für Kinder mit dem ADHS-Syndrom, macht Karriere als Partybooster

VON MARTINA BORTOLANI MITARBEIT: KATRIN ROTH

Diskret winkt er uns um die Ecke vor dem Clubeingang und greift umständlich in die Hosentasche. Michael, 27-jähriger Fotograf, streckt uns zwei weisse, verpackte Tabletten hin, sauber abgeschnitten von einem Alu-Filmstreifen. Die Pillen sehen aus wie Medikamente gegen Reisekrankheit – und schmecken auch so, bitter und mehlig. Kinder nehmen sie mit einem Glas Orangensaft zum Frühstück. Kinder mit dem ADHS-Syndrom, der Aufmerksamkeitsdefizit-Störung, dessen Symptome sie mit Methylphenidat, also Ritalin bekämpfen. Doch das hier ist keine Kinderparty, sondern eine laute, raue Clubnacht in Zürich.

In der Schweiz verfünffachte sich der Absatz von Ritalin im letzten Jahr, und man weiss, dass es nicht fünfmal mehr ADHSKinder gibt. Ritalin schlucken Studenten als Hirndoping am Examen. Und andere Abnehmer zappeln nicht selten neben DJPulten und unter Stroboskoplampen. Er verkaufe an beiden Orten etwa gleich viel, sagt Michael, der in den Clubs und an der Uni in der Mensa mit Ritalin handelt.

Ein Mix aus drei Redbulls und einer halben Linie Kokain

Für etwa fünf Stunden hält einen das Medikament wach und konzentriert. Fährt der Kick aus, wird man müde. Wer dann nicht eine weitere Tablette nimmt, geht schlafen und wacht morgens ohne grösseren Kater auf. Vorausgesetzt, man hat nicht zu viel Alkohol getrunken. «Ritalin ist eine Mischung aus drei Redbulls und einer halben Linie Kokain» sagt Seraina, eine der Befragten, die seit zwei Jahren einmal pro Woche im Ausgang eine Pille nimmt. Sie arbeitet als freie Journalistin und «kann sich Hangovers am Tag danach nicht leisten». Ritalin verschrieb ihr der Arzt, weil sie jammerte, sich unter Druck nicht aufs Schreiben konzentrieren zu können. «Easy. Ich bekam das ohne Probleme.» Natürlich schreibt sie weiterhin: ohne Ritalin.

Das LSD-Derivat passt in unsere Zeit wie Handys mit acht Gygabyte Speicher — das Lebensgefühl wird komprimierter.

Während die Ecstasy-Partynächte der Neunzigerjahre noch dazu dienten, den Geist zu berauschen und die Realität für ein paar Stunden zu verbannen, will man heute vor allem eins: parat sein. Fokussiert sein. Für Bekanntschaften, Gespräche, für die Musik, für den Sex. In allen grossen Clubs — von der Luzerner Schüür, über die Berner Reithalle bis hin zum Q-Club in Zürich — kennt man Ritalin als Partybooster. Besonders verbreitet ist das Phänomen in Zürich. MPH, Methylphenidat, kursiert immer in der Medikamenten-Dealer-Szene rund um die Kaserne. Und auch im Internet, dort sind die Präparate unter den Bezeichnungen Axepta, Medikinet, Equasym oder Concerta relativ problemlos zu bestellen — ausser sie werden am Schweizer Zoll abgefangen, weil Methylphenidat seit 1975 unter das Betäubungsmittelgesetz fällt.

Das Mittel für «Warmduscher-Drögeler»

Nichtsdestotrotz erzählt ein Zürcher Clubbesitzer, der namentlich nicht genannt werden möchte: «Medikamente sind im Clubleben bereits normal.» Der Wachmacher Ritalin sei hier wohl nur der Anfang. Und hinter vorgehaltener Hand ergänzt er: «Mir ist es lieber, wenn die Leute mit Medis erwischt werden als mit Koks oder Speed.» Man hätte weniger Probleme mit der Polizei.

Jeder kann schliesslich behaupten, man hätte ihm das Präparat gegen Konzentrationsstörungen verschrieben. Für die Party-Ritalin-Kicker ist die Hemmschwelle, das Medikament einzunehmen, ziemlich tief – sie gehen davon aus: Wenn es Kinder nehmen, wieso soll es mir schaden? Ein Argument, das auch Michael, der Dealer, gerne verwendet. Und zynischerweise genau diese Kunden dann als «Warmduscher-Drögeler» verspottet. Ritalin sei «das Kokain für Bünzlis».

Dabei, so harmlos ist MPH nicht. «Die Nebenwirkungen sind bei Gesunden und Menschen mit ADHS nicht unterschiedlich», sagt Dr. Dominique Feusi-Höchli von der Psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich. Sie leitet seit zehn Jahren eine Sprechstunde für ADHS-Patienten. In der Tat sind erhöhter Blutdruck, Schwitzen und Einschlafstörungen im Vergleich zu anderen Drogen überschaubar. Doch auf Suchtstationen kennt man es als Einstiegsdroge in die Medikamentensucht.

Das interessiert Michael wenig. Im Gegenteil. Er schwärmt bereits von einem neuen Hype: Modafinil. «Teurer und effizienter!», sagt er.

zurück zur Übersicht


Seite zuletzt geändert am 06.04.2009 by Webmaster